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Digitales Magazin • Dezember 2025
umschau bücher • dezember 2025
2025 war das 100. Todesjahr Rudolf Steiners und fand ein breites, vielfältiges Medienecho. In Basel und Dornach laufen mehrere interessante Ausstellungen zu Steiner, dessen Werk leider bis heute nicht in einer permanenten Ausstellungsstätte zugänglich ist. Es erschienen eine Reihe von neuen Büchern über Steiner, die wir hier nach und nach besprechen. Wir beginnen mit einem lesenswerten Buch, das schon 2021 publiziert wurde und seither mehrere Auflagen erlebte.
«zumutung anthroposophie»
Wolfgang Müller, Zumutung Anthroposophie. Rudolf Steiners Bedeutung für die Gegenwart, Verlag Info3, 4. Auflage, 2023.
«Das Phänomen Steiner bleibt erstaunlich und leicht angreifbar. Nur diejenigen werden es für relevant halten, die wenigstens in Teilbereichen den klaren Eindruck gewinnen, dass hier grosse Durchblicke gelungen sind, die unserer Zeit bitter fehlen; und die bereit sind anzuerkennen, dass Bedeutendes nicht immer auf die Weise in die Welt tritt, wie man das nach den gewohnten Kategorien erwarten würde.»
So schreibt Wolfgang Müller treffend in seinem Buch Zumutung Anthroposophie, das elf aphoristisch gehaltene Kapitel mit interessanten Überschriften enthält, beispielsweise: Paralleluniversum Anthroposophie, Der Blinde Fleck der Neuzeit, Eine Anthroposophie, die keine mehr ist?, Rassistische Tendenzen? oder Demut zum Mut.
Rücksichtsvoll, aber schonungslos schildert der Autor die verschiedenen Wege und Umwege, die zur Auseinandersetzung mit dem Werk von Steiner führen können. Ohne Scheuklappen fokussiert er auf das Wesentliche, wenn es um die zentrale Frage der Geisteswirksamkeit geht. Es geht ihm nicht um die zahlreichen Nebenschauplätze und unreflektierten Klischees, auf welche wir uns gern leiten lassen – Guru, Sekte, esoterisch, abgehoben, rassistisch, technologiefeindlich, der Gebrauch theosophischer Ausdrücke etc. – und dabei den Bezug zur Sache verschwinden lassen, sondern um Grundsätzliches. Skepsis gegenüber der Anthroposophie kann eine gesunde und konstruktive Haltung sein, wenn man die Auseinandersetzungen mit ihr nicht scheut oder verdrängt. «Die Welt ohne den Geist ist für den Menschen wie ein Buch, abgefasst in einer Sprache, die er nicht lesen kann, doch von dem er weiß, dass sein Inhalt lebensbestimmend ist. Und Geisteswissenschaft will erstreben die Kunst des Lesens», so Steiner. Wie bei allen wissenschaftlichen Forschungen sind auch bei der Geisteswissenschaft Fehlinterpretationen immanent möglich, es geht aber um die Grundaussagen des Ganzen: die menschliche Freiheit und das zukünftige Potenzial des Menschentums. Die blinden Flecken unserer Zeit wurden von dem Philosophen Paul Feyerabend in seinem Hauptwerk «Against Method» (1975) charakterisiert. Er argumentierte, dass es keine allgemeingültige wissenschaftliche Methode gibt (Monopol), sondern eine Vielfalt («anything goes»). Die intellektuelle und kulturelle Freiheit ist und bleibt ein übergeordnetes Anliegen: kein Dogmatismus, weder religiöser noch wissenschaftlicher Art. Diese Grundhaltung im Zeitalter des «Angriffs auf die Wirklichkeit» (Gerhard Bronner) ist gegenüber den Herausforderungen der Gegenwart massgebend. Es ist an der Zeit, gründlich und individuell zu überprüfen, was der Wahrheitsgehalt einer Erfahrung, einer Begegnung, eines Gedankens, einer Aussage ist.
Wie Wolfgang Müller die Anthroposophie als Zumutung verstehen, die sie tatsächlich ist, tut uns Menschen des Jahres 2025 gut, wenn Offenheit und Unvoreingenommenheit konsequent praktiziert und geübt werden. Man muss dabei nur Interesse aufbringen und wach bleiben. Müller zitiert Ludwig Wittgenstein: «Ein Mensch ist in einem Zimmer gefangen, wenn die Tür unversperrt ist, sich nach innen öffnet; er aber nicht auf die Idee kommt zu ziehen, statt gegen sie zu drücken.»
Robert Thomas