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Digitales Magazin • September 2025

 

 


umschau bücher • september 2025


 

 

 

was ist eine ‹freie› schule?

Rudolf Steiner. Was ist eine ‹freie› Schule? Herausgabe, Vorwort und Kommentar von Johannes Mosmann. 2. Auflage, Institut für soziale Dreigliederung, Berlin 2015.

«Warnung: eigentlich müsste man denen, die sich der Anthroposophie nähern, sagen: Stellt euch auf die maximale Verstörung ein! Auf die Umstülpung aller Anschauungen. Was ihr bisher missachtet oder gemieden habt, wird eine neue, andere Bedeutung gewinnen. Denn die Wahrheit ist, dass die Anthroposophie (mit Rudolf Steiners Worten) ‹das Denken, das ganze Sinnen des Menschen, die ganze Seelenverfassung eben in eine andere Richtung bringt, als diejenige ist, die nun eben gang und gäbe ist.›»
 
Was Wolfgang Müller in seinem Buch Zumutung Anthroposophie (2023) für die Anthroposophie im Allgemeinen sagt, gilt mit Sicherheit auch für die Waldorfpädagogik im Speziellen. Oft habe ich im Schulalltag das Gefühl, einer Richtung zu folgen, die eben «gang und gäbe» ist, die aber in mir wenig inneren Anstoss auslöst. Umso wohltuender und anregender war für mich die Lektüre von Johannes Mosmanns Buch. Immer wieder wurde ich darin innerlich berührt, angeregt und geradezu herausgefordert, meine eigene, oft unhinterfragte Schulpraxis zu überdenken. So eröffnet sich mir eine Dimension der Waldorfpädagogik, die weit entfernt von einer gegenwärtigen Pädagogik im üblichen Sinne liegt.

Besonders deutlich wird dies etwa in Mosmanns Bezug auf Rudolf Steiner: «Explizit spricht sich Rudolf Steiner für eine Abschaffung der Schulpflicht aus. Aber auch das Verhältnis von Lehrperson zu Lehrperson könne nur auf einer wechselseitigen Beratungsfunktion, niemals aber auf einer gemeinsamen ‹Satzung› oder Ähnlichem beruhen.»

Keine Schulpflicht. Keine Anwesenheitspflicht. Kein Absenzwesen.

Selten erlebe ich bei mir selbst oder in Kollegien das sichere Empfinden, dass es sich tatsächlich um einen unhaltbaren Zustand handelt, wenn – wie Henning Köhler in seiner Schrift Die Freiheit des Kindes (2024) betont – Kinder bevormundet werden: «Kinder lernen früh, dass sie sich Anerkennung durch konformistisches bis unterwürfiges Verhalten verdienen müssen. Daraus resultieren Beschädigungen der Selbstachtung, die lebenslang nachwirken können. Arno Gruen drückt dies noch schärfer aus: ‹Wir bringen (Kinder) auf vielfältige Art zum Schweigen, (um) unsere Selbstachtung aufzublasen.› Treffender lässt sich kaum beschreiben, wie das Schweigen-Machen von Kindern die Machtverhältnisse offenlegt. Wie selbstverständlich wird ihnen verboten, unaufgefordert zu sprechen, den Platz oder gar den Raum zu verlassen. Selbst wenn sie sprechen dürfen, erwartet die Lehrperson zumeist eine bestimmte Antwort. Ein Zustand, den wohl niemand für sich selbst akzeptieren würde.»

Mosmann gelingt es, solche fundamentalen Unterschiede klarzumachen, indem er mit seiner Zusammenstellung von Texten Rudolf Steiners der Frage nachgeht: Was ist eigentlich eine freie Schule? Er stellt dabei die Rolle der Lehrperson und die kollegiale Zusammenarbeit auf ein ungewohntes Fundament.

Viele Kollegien gehen davon aus, eine Vorstellung von Selbstverwaltung zu haben. Doch beim Lesen von Mosmanns Ausführungen wird deutlich, dass es sich dabei oft um missverstandene Tradierungen handelt, die wenig mit Steiners Ideen zur Freiheit und sozialen Dreigliederung der Gesellschaft zu tun haben. Eine wirklich freie und kollegiale Selbstverwaltung birgt noch erhebliches Entwicklungspotential.

Am Ende wird sichtbar, dass wir es beim Führungsprinzip einer Waldorfschule mit einem radikal neuen Verständnis von Führung zu tun haben. Für mich entstand bei der Lektüre der Eindruck, dass das Flow-Prinzip selbst zum Führungsprinzip wird: ein Prinzip, das nicht durch Kontrolle, Vorgaben oder starre Strukturen lebt, sondern durch Vertrauen in den Prozess, durch innere Beweglichkeit und gemeinsames Gestalten. Dann kann sich bilden, was der Musiker und Komponist Jon Batiste in einem Interview so ausdrückt:

«Es ist das Gefühl, wenn du genau am richtigen Ort bist und genau das tust, was du tun sollst.»

In dieser Haltung kann Schule entstehen, die nicht auf Verwaltung im herkömmlichen Sinn setzt, sondern auf Lebendigkeit, Entwicklung und eine Freiheit, die immer wieder neu errungen werden will.

  


 

schule als resonanzraum und entfremdungszone

Jens Beljan, Schule als Resonanzraum und Entfremdungszone. Eine neue Perspektive auf Bildung, 2. Auflage, Beltz Juventa, Weinheim Basel 2019.

«Beziehungen werden unverbindlicher.» (NZZ)

«Kurzfristige Absagen werden Normalität.» (Annabelle).

«Die neue Unverbindlichkeit hat im Alltag Einzug gehalten.» (Zürcher Wirtschaft)

«Der Mensch, so scheint es, ist zu einem hochgradig unzuverlässigem Wesen mutiert.» (Tages-Anzeiger)

«Weisst du, was passiert, wenn man sich immer alle Türen offen hält? Dann zieht's, mein Freund. Dann wird man krank.» (Marc-Uwe Kling, Känguru-Chroniken)

In den letzten Jahren ist die Unverbindlichkeit zu einem beständigen Begleiter geworden und hat sich als Problem in vielen gesellschaftlichen Bereichen gezeigt.

Nimmt man Unverbindlichkeit wörtlich, bedeutet es, mit etwas innerlich nicht verbunden zu sein, in keinen wirklichen Kontakt zur Sache, zur Person usw. zu stehen. Eine grosse Entfremdung.

Die Schule fördert systematisch und früh Entfremdung. Schüler:innen lernen, Stoff auswendig zu lernen, ihn in der Prüfung abzuliefern und danach sofort wieder zu vergessen. Wer das tut, bekommt bessere Noten. Dabei prägt sich jedoch eine Haltung ein, die weit über die Schulzeit hinauswirkt: innere Distanz, Unverbundenheit und eine fehlende Verbindlichkeit gegenüber der Sache – und letztlich auch gegenüber sich selbst.

Rudolf Steiner hat diese Entwicklung bereits vor über hundert Jahren vorausgesehen und prophezeit, dass sie in Zukunft epidemisch zunehmen wird.  Heute erleben wir sie im Alltag. Lehrkräfte beklagen, dass Schüler:innen «nur für die Noten lernen», ohne zu erkennen, dass auch sie Teil des Problems sind. Das Schulsystem und die weitverbreitete Auffassung von Bildung erzeugen diese Haltung. Die Schule erzieht somit nicht zu Begeisterung oder einer inneren Beziehung, sondern zum funktionalen Abarbeiten. Dies ist eine Grundprägung, die Gesellschaft und Individuen auf lange Sicht schwächt. Mir ist bewusst, dass das niemand möchte und sich alle dagegen verwahren möchten. Systemisch sind Schulen jedoch meist so aufgestellt, dass man es dann doch ungewollt genauso macht.

Jens Beljan nimmt diesen Missstand in Schule als Resonanzraum und Entfremdungszone radikal ernst. Inspiriert von Hartmut Rosas Resonanztheorie zeigt er, dass Bildung nur dort gelingt, wo Resonanzachsen lebendig bleiben: zwischen Lehrkraft und Schüler:in sowie zwischen Schüler:in und Stoff. Verstummen diese Achsen, kippt das Ganze ins «Indifferenzdreieck» oder «Repulsionsdreieck». Übrig bleibt ein Training in Unverbindlichkeit, das Selbstwirksamkeit und Interesse zerstört.

Die Nachricht ist nicht gut: Schule ist heute oft weniger Lernraum als Entfremdungsmaschine. Wer Bildung ermöglichen will, muss Resonanz schaffen – sonst bildet die Schule vor allem eines aus: die Fähigkeit, sich selbst und der Welt fremd zu bleiben. In solchen Verhältnissen leiden die Selbstwirksamkeitserwartungen von Lehrern und Schülern.

Ein anregendes, wichtiges und lesenswertes Buch! Gerade auch in Bezug auf die eigene Selbstwirksamkeit, sei es als Lehrperson oder als Schüler:in. Einen Anfang bildet, sich selbst als Lehrperson in ein Resonanzverhältnis zu bringen. Daher ist es für mich einleuchtend, dass eine Schule einer Lehrperson nicht vorschreiben kann, wie, wann und was sie zu tun hat.

 


 

soziale dreigliederung aktuell

Valentin Wember, Dreigliederung. Eine aktuelle, allgemeinverständliche Einführung in Rudolf Steiners Entdeckungen zu einer heilsamen Organisation der Weltgesellschaft, 5. Auflage, Stratosverlag, Tübingen 2025 (zuerst 2022).
 
Wer Rezepte und Programme für richtiges soziales Handeln sucht, wird hier an der falschen Adresse sein. Mit Rezepten und Programmen werden wir tagtäglich von politischen Phrasen und der Unterhaltungsindustrie mehr als genug überschwemmt. Sie schaffen es vor allem sehr wirksam, uns von sozialen Einsichten abzulenken.

Für Wember ist es klar, dass es überhaupt nicht um Rezepte, Programme und Regeln geht, sondern um Verständnis und Bewusstsein für die Wirklichkeiten und Bedingungen des sozialen Lebens. Entwickelt sich solches Verständnis, werden die Menschen für ein konkretes Problem schon tatsächliche Lösungen finden. Und ihm ist klar, dass es bei Steiners Ideen oder «Entdeckungen» zur sozialen Dreigliederung um die Organisation der gesamten Gesellschaft geht. Was auch immer propagiert wird, ist es Unsinn, zu meinen, dass ein einzelner Wirtschaftsbetrieb, eine Schule oder irgendein demokratisches Gesetz die Dreigliederung verwirklichen kann. Bei der sozialen Dreigliederung, der sachlichen Trennung der Gesellschaft in drei strikt voneinander unabhängige Bereiche des Wirtschaftslebens, des politisch-rechtlichen Lebens und des geistig-kulturellen Lebens, geht es um die Organisation des gesellschaftlichen Lebens als Ganzes. Dabei durchdringen sich die drei Bereiche wechselseitig und jeder Mensch ist immer Teil in jeder Sphäre.

In verständlicher Form und mit vielen anschaulichen, praktischen Beispielen lenkt Wember den Blick weniger auf die Organisationsformen als radikal auf die grundlegenden Prozesse in den drei Bereichen der Gesellschaft. In Bildung, Erziehung und Unterricht beispielsweise gehe es nur um die Entwicklung der Fähigkeiten von Menschen und nicht darum, sie für staatliche oder wirtschaftliche Zwecke abzurichten. Dies könne nur durch ein von politischer Verrechtlichung und von der Wirtschaft unabhängiges Geistes- und Bildungsleben geschehen, sonst werden nicht Menschen gebildet, sondern «Kinder in der Konsequenz als Mittel zu einem Zweck behandelt, sie werden zu Objekten gemacht» (S. 43). Wember führt dazu aus (S. 40-41):
 
«Kinder zu etwas machen zu wollen, ist grundsätzlich übergriffig, ganz gleich mit welchen noch so gut gemeinten Absichten. Diese Übergriffigkeit resultiert aus den Vorgaben aus Politik und Wirtschaft. Diese Vorgaben machen das Erziehungs- und Bildungssystem unfrei. Frei wäre es nur dann, wenn man ausschliesslich aus Menschenerkenntnis das Bildungssystem gestalten dürfte. Und darum ging es Rudolf Steiner, und darum sollte es grundsätzlich gehen: Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis und nicht nach ökonomischen oder politischen Vorgaben. Im Grunde sollten deshalb nur vier Gruppen von Menschen über Erziehung und Bildung Ratschläge geben, was in der Schule zu berücksichtigen ist: Ärzte, Psychologen, Anthropologen und Pädagogen, aber gerade nicht die Wirtschaft und genauso wenig die Politik. Ärzte, Psychologen, Anthropologen und Pädagogen wissen, was für die Kinder und Jugendlichen geistig, seelisch und körperlich gesund ist. Sie können herausarbeiten, was die Kinder wirklich brauchen, um ihre Potenziale optimal entfalten zu können. Mit zwei Worten: Menschenerkenntnis zuerst! Menschenerkenntnis und vor allem Kindeserkenntnis zuerst und erst dann pädagogisches Handeln vor Ort. Über das konkrete Handeln sollte immer nur der Pädagoge selbst entscheiden, der mit den Kindern arbeitet. Niemand sonst. Ratschläge können die Fachleute geben, Ratschläge, mehr nicht. Keine Gesetze, keine verbindlichen Vorgaben, die für alle zu gelten haben.» – Es ist klar, dass keine Schule, auch keine Waldorfschule, heute so funktioniert. Und ebenso klar ist, dass jede Pädagogin und jeder Pädagoge, an welcher Schule auch immer, in jeder Unterrichtsstunde versuchen kann genau dies zu leben.

Während daher ein unabhängiges Geistesleben in Bildung, Forschung und Medizin nur auf Individuen ruhen kann, die sich aus Einsicht, Ideen, Fantasie, Beratung und Ratschlägen speisen, aber nicht aus Vorgaben, Gesetzen und Normen, arbeitet Wember heraus, wie der wirtschaftliche Prozess etwas ganz anderes ist. Hier geht es darum, wie die materiellen Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden. Jede wirtschaftliche Arbeit zielt ihrer Natur nach eigentlich darauf, die Bedürfnisse anderer zu befriedigen. Dem ist die zwar weitverbreitete, aber völlig falsche Ansicht und monströse Praxis entgegengesetzt, dass die Wirtschaft auf persönlichem Profitstreben und Gewinnmaximierung basiert. Die Vermehrung von Kapital und Bodenwerten durch arbeitslose Einkommen befriedigt gerade nicht die Bedürfnisse, sondern führt zu sinnlosem Eigennutz und der heute global zu beobachtenden Tendenz von neuen Tech- und sonstigen Oligarchen, die längst einen unermesslichen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben. Daran sind natürlich wir alle und Millionen von Sparern, Kleinanlegern und ganz normalen Käufern beteiligt, die das über die Preise, Mieten, Steuern und Klicks bezahlen. In einem zweiten Buch mit dem Titel Dreigliederung leben. Erläuterungen zur Ökonomie der Dankbarkeit. Ein Beitrag zur Heilung der sozialen Organisation (3. Auflage, Tübingen 2025) hat Wember besonders seine Analyse der wirtschaftlichen Prozesse weiter ausgeführt.

In Bezug auf die politisch-rechtliche Sphäre, den demokratischen Rechtsstaat, schlägt Wember eine echte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern am Zustandekommen von Gesetzen und Entscheiden vor. Der Knackpunkt ist, dass der grosse Einfluss von wirtschaftlichen, politischen und geistigen Interessensgruppen aller Art zu verhindern ist, damit die Bürger sachliche Abstimmungsentscheide treffen können. Wember befürwortet hier durch Losverfahren zusammengesetzte Konvente als Entscheidungsgremien. Sie informieren sich frei und vollumfänglich über alle zur Wahl stehenden Vorschläge und Fragen, dürfen aber nicht von aussen beeinflusst und kontaktiert werden.

Wember ist es gelungen, eine Reihe von Hauptpunkten der sozialen Dreigliederung im Sinne der Ideen Steiners allgemeinverständlich, ansprechend und aktuell darzustellen. Natürlich müssen bei einer Einführung viele Spezialfragen unbehandelt bleiben. Steiners Ideen und Einsichten sind von unerbittlicher Wirklichkeitslogik und heute immer noch die wichtigste Herausforderung für die Zukunftsgestaltung des sozialen Lebens. Und zwar gerade heute wohl noch mehr als früher, da sich die von Steiner beobachteten Tendenzen massiv verstärkt haben. Die Bewegung zur sozialen Dreigliederung als Neugestaltung der Gesellschaft in der Umbruchszeit nach dem Ersten Weltkrieg ist zu Lebzeiten Steiners bald gescheitert. Gleichwohl können im Kleinen und Grossen überall und an jeder Stelle immer Impulse und Anfänge unternommen werden, die Einsichten in die tatsächlichen Bedingungen eines modernen sozialen Lebens in Wirtschaft, Politik und Kultur entsprechen. Viele interessante Beispiele dafür werden von Wember erwähnt. Seinem einführenden Buch zur Dreigliederung der Gesellschaft ist grosse Verbreitung zu wünschen.

 


 

Redaktion